Nominativ

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Für indogermanische Sprachen (hierzu gehört auch das Lateinische!) ist es unter anderem charakteristisch, daß Substantive (und dementsprechend auch Adjektive) gebeugt werden. Dies bedeutet, daß an den Wortstamm - vom Kasus (Fall) abhängige - Wortendungen angehängt werden, welche den Fall kennzeichnen.

Der Nominativ (im deutschen der Wer-Fall) wird auch als der 1. Fall oder als casus rectus (gerader Fall) bezeichnet. Der Nominativ ist die Wortform, die wir normalerweise als Grundform im Lexikon nachschlagen (wir suchen nach dem Stichwort Sprache und nicht nach dem Stichwort Sprachen).

Der Nominativ erfüllt die syntaktische Funktion des Subjekts, des Prädikatsnomens und des Prädikativums.


Der Nominativ als Subjekt

Der Nominativ eines deklinierten Wortes benennt als Subjekt:

  • die Person, die handelt oder von einer Handlung betroffen ist,
  • die Sache oder den Sachverhalt, über die bzw. den eine Aussage gemacht wird.

(Frage: Quis?/Quid? - Wer?/Was?)


Beispiele:

  • Cicero ridet. - Cicero lacht.
  • Senatores stupent. - Die Senatoren staunen.
  • Bos ranam conspexit. - Der Ochse erblickte den Frosch.
  • Manus manum lavat. - Eine Hand wäscht die andere (Hand).
  • Dies diem docet. - Ein Tag lehrt den anderen (Tag).


Der Nominativ als Prädikatsnomen

Der Nominativ benennt als Prädikatsnomen:

  • die Beschaffenheit einer Person oder Sache, die Subjekt ist.

(Frage: Wie beschaffen?/Von welcher Art?)


Beispiele:
Die Ergänzung im Nominativ bei esse und anderen Verben als Prädikatsnomen wird mit dem Subjekt soweit wie möglich in Kasus, Numerus und Genus übereingestimmt (Kongruenz).

  • Deus omnium rerum causa est. - Gott ist die Ursache aller Dinge (von allem). (Causa ist feminin und kann nicht mit deus übereingestimmt werden.)
  • Usus est magister optimus. - Übung ist die beste Lehrerin. (Im Deutschen ist Übung feminin, daher nicht Lehrer, sondern Lehrerin.)
  • Aquila regina avium est. - Der Adler ist der König der Vögel.
  • Natura optima dux est. - Die Natur ist die beste Führerin.
  • Romulus primus rex erat - Romulus war der erste König.
  • Turpitudo peius est quam dolor. - Schande ist ein größeres Übel als Schmerz. (Peius ist der Komparativ des Substantivs malum.)
  • Vita hominis brevis est. - Ein Menschenleben ist kurz.


Das Prädikatsnomen findet man neben esse auch bei videri, manere, fieri, exsistere, nasci sowie bei vielen passiven Verben.

  • Ille mihi beatus videtur. - Jener scheint mir glücklich.
  • Si tacuisses, philosophus mansisses. - Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben.
  • Caesar consul factus est. - Cäsar wurde zum Konsul gemacht.
  • Gyges rex exortus est Lydiae. - Gyges trat auf als (wurde) König Lydiens.


Bei den passiven Beispielen handelt es sich um die Umkehrung des doppelten Akkusativ.

  • Urbs Roma appellatur. - Die Stadt wird Rom genannt.
  • Cato censor creatur. - Cato wird zum Zensor gewählt.
  • Discipulus beatus existimatur. - Der Schüler wird für glücklich gehalten.
  • Pauci grati inveniuntur. - Wenige werden als dankbar gefunden.


Ist das Subjekt ein Pronomen und das Prädikatsnomen ein Substantiv, wird das Pronomen in Numerus und Genus nach dem Prädikatsnomen übereingestimmt (umgekehrte Kongruenz).

  • Haec est firma amicitia. - Das ist feste Freundschaft.
  • Hic est locus amoenus. - Das ist ein schöner Ort.
  • Ii sunt amici mei. - Das sind meine Freunde.


Der Nominativ als Prädikativum

Der Nominativ benennt als Prädikativum:

  • den Zustand einer Person oder Sache.

(Frage: Als was für ein?)


Beispiele:
Das Prädikativum dient zur zusätzlichen Angabe des Alters, der Funktion oder des Amtes: z.B.: puer-als Knabe, adulescens-als junger Mann, senex-als alter Mann, viginti annos natus-im Alter von zwanzig Jahren, vivus-zu Lebzeiten, mortuus-tot, nach dem Tode, consul-als Konsul, victor-als Sieger.

  • Cato tribunus legioni praefuit. - Cato befehligte als Tribun eine Legion.
  • Hannibal viginti et sex annos natus omnes gentes Hispaniae subegit. - Hannibal unterwarf im Alter von 26 Jahren alle Völker Spaniens.
  • Augustinus libros de trinitate iuvenis inchoavit, senex edidit. - Augustinus begann die Bücher über die Dreifaltigkeit als junger Mann, als alter Mann gab er sie heraus.
  • Theseus victor rediit. - Theseus kehrte als Sieger zurück.


Das Prädikativum dient zur zusätzlichen Angabe der Reihenfolge oder der Zahl: z.B.: primus-als erster, medius-als Mittlerer, in der Mitte, postremus-als letzter, ultimus-als letzter, unus-als einziger, totus-als ganzer, frequens-zahlreich, summus-als oberster.

  • Caesar primus in Germaniam venit. - Cäsar kam als erster nach Germanien. (Nicht: Der erste Cäsar, oder: Cäsar der erste)
  • Mulieres frequentes convenerunt. - Die Frauen kamen zahlreich ("als zahlreiche") zusammen.


Das Prädikativum dient zur zusätzlichen Angabe von Gemütsregungen oder körperlichen Zuständen: z.B.: laetus-froh, maestus, tristis-traurig, iratus-zornig, invitus-widerwillig, wider Willen, inscius-unwissend, ohne Wissen, praesens-in Anwesenheit, absens-in Abwesenheit.


Auch das Participium coniunctum ist eine adverbiale Angabe.

  • Aeneas e patria expulsus in Italiam venit. - Äneas kam aus der Heimat vertrieben nach Italien.
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